Küssen gehört zum Erwachsensein

 

Marie ist 23 Jahre alt.

Sie kann Fahrrad fahren.

Sie weiß wie Löwenzahn aussieht.

Sie kann eine Kastanie von einer Linde unterscheiden.

Und sie kann kochen.

 

Am liebsten kocht sie Nudeln mit Tomatensoße.

Sie kocht kein Gemüse. Sie mag Gemüse nicht.

Ihre Mutter sagt Gemüse ist gesund.

Marie ist das egal.

 

Marie ist oft anderer Meinung als ihre Mutter.

Sie will ihr eigenes Leben.

Sie will entscheiden was sie macht.

Sie will entscheiden wann sie etwas macht.

Sie möchte laute Musik hören.

Sie möchte viel Schaum im Badewasser.

Und sie möchte Olga küssen.

 

Zum Küssen braucht sie Ruhe.

Zum Küssen darf niemand an die Zimmertür klopfen.

Zum Küssen braucht sie Kerzenlicht.

Marie stellt es sich wie in einem Liebesfilm vor.

 

Marie wird mit Olga auf dem Sofa sitzen.

Sie wird immer näher rutschen.

Noch näher!

Sie werden sich in die Augen sehen.

Lange!

Und dann werden sie sich küssen.

 

Marie hat sich das schon oft vorgestellt.

Sie hat noch keinem von diesem Wunsch erzählt.

Auch ihrer Freundin Olga nicht.

 

Für Marie gehört Küssen zum erwachsen sein.

Genau wie eine eigene Wohnung.

 

Vor drei Monaten hat sie eine Wohnung gefunden.

Die Wohnung ist klein, aber Marie kann sie selbst bezahlen.

Und heute ist der große Tag.

Heute zieht Marie in ihre erste eigene Wohnung.

 

Sie hat alles in Kartons gepackt.

Wirklich alles.

Sie war schon zweimal gucken, ob sie nichts vergessen hat.

Ihre Mutter war auch schon zweimal gucken.

Ihr Vater auch.

 

Auf jeder Kiste steht ihr Name.

Auf jeder Kiste steht wo sie hin soll.

Sie hat es selbst darauf geschrieben.

Sie hat alles selbst eingepackt.

 

Marie sitzt auf einem Stuhl.

Sie spielt mit ihren Händen.

Sie pult an ihrem Zeigefinger.

Sie wartet, dass es losgeht.

 

Dann klingelt es.

Erst kommen die Umzugshelfer.

Aber gleich danach kommt Olga.

Die Schränke sind schnell ins Auto gepackt.

Dann die Kisten.

 

Marie steigt auf ihr Rad.

Sie fährt dem Umzugsauto nach.

Olga sitzt auf dem Gepäckträger.

Die neue Wohnung ist ganz nah.

Marie schließt das Rad an.

Sie geht zum Auto.

Das Auto ist schon leer.

Marie gibt den Umzugshelfern ihr Geld.

Dann sieht sie ihnen zu wie sie weg fahren.

 

Marie geht dieser Umzug viel zu schnell.

Sie wartet seit immer auf diesen Tag.

Am Umzugstag sehen alle, dass Marie erwachsen ist.

Und nun soll es vorbei sein?

 

Überall in der Wohnung gibt es jetzt Kisten.

Marie steht in der Küche. Sie sieht die Kisten an.

Sie weiß nicht wie sie Ordnung schaffen soll.

 

Olga steht neben ihr.

Marie greift nach ihrer Hand.

Sie haben einander schon oft an den Händen gehalten.

Beim Spaziergang zum Beispiel.

Oder nach dem Kino, auf dem Nachhauseweg.

Aber heute ist Olgas Hand irgendwie weicher.

 

Marie streicht mit ihren Daumen über Olgas Handrücken.

So lange bis ihre Haut kribbelt.

Das Kribbeln beginnt am Daumen,

geht über die Hand bis zum Ellenbogen.

Marie weiß nicht wo sie hinsehen soll.

Sie guckt lieber stur geradeaus.

 

Sie glaubt nämlich, dass ihre Wangen rot sind.

Das ist ihr unangenehm.

Also sieht sie Olga besser nicht an.

Ihre Hand lässt sie aber auch nicht los.

Sie mag das Kribbeln.

 

Es klingelt an der Wohnungstür.

Marie zuckt zusammen.

Sie lässt Olgas Hand los.

Beide kichern. Aber nur kurz.

Marie sieht, dass Olgas Wagen auch rot geworden sind.

Sie sagt aber nicht, dass sie es gesehen hat.

Sie weiß ja nicht, ob Olga das unangenehm ist.

Dabei sieht Olga so schön aus, wenn ihre Wangen rot sind.

 

„Es hat geklingelt“, sagt Marie.

Dann geht sie zur Tür.

Ihre Eltern stehen draußen.

Maries Mutter hat Pizza in der Hand.

Ihr Vater trägt Cola und Eis zum Kühlschrank.

Sie essen erst, als es dunkel wird.

Vorher packen sie die Kisten aus.

Marie muss immerzu sagen wo was hin soll.

Marie ist ganz schwindelig davon.

Sie fühlt sich so erwachsen wie noch nie in ihrem Leben.

 

„Du musst die Tür abschließen“ sagt Maries Mutter.

„Und du musst das Licht ausmachen“, sagt ihr Vater.

Er hebt den Zeigefinger.

Als hätte er etwas gesagt, was Marie noch nicht weiß.

 

Marie fühlt sich trotzdem erwachsen.

 

Marie schiebt erst ihre Mutter aus der Tür.

Dann den Vater.

Marie winkt.

Olga sagt „Auf Wiedersehen“.

Dann schließt Marie die Wohnungstür ab.

 

Olga ist Maries erster Gast.

Olga wird bei Marie schlafen.

Die beiden Frauen gehen in Maries Zimmer.

Sie sehen aus dem Fenster.

 

Draußen ist es dunkel.

Ihre Gesichter spiegeln sich im Fensterglas.

Marie macht das Fenster auf.

Sie stehen ganz dicht beieinander.

Marie kann Olgas Haut an ihrer Schulter fühlen.

Sie sieht den Fußweg und die Straße und den Lindenbaum.

Es riecht nach Herbst.

Und ein bisschen nach Regen.

 

Marie kann Olgas Haut an der Schulter kaum aushalten.

So schön fühlt sie sich an.

Marie weiß schon wieder nicht wo sie hinsehen soll.

Also guckt sie das Haus gegenüber genau an.

Sie pult an ihrem Zeigefinger.

Die Füße tun ihr weh.

Doch sie will mit Olga am Fenster stehen bleiben.

Schulter an Schulter.

 

Sie hat vergessen zu sprechen.

Sie bemerkt das erst nach einer langen Zeit.

Olga redet auch nicht.

Aber sie dreht sich irgendwann zu Marie um.

Mit beiden Händen umfasst sie Maries Kopf.

Zieht ihn nah zu ihrem Gesicht.

Sie spitzt die Lippen.

Sie drückt sie fest auf die von Marie.

Dann lässt sie Marie los.

„So!“, sagt sie.

Ihre Wangen sind Feuerrot.

 

Marie ging dieser Kuss viel zu schnell.

Das war ja noch schneller als der Umzug.

So geht das nicht, denkt sie.

Marie hat lange auf diesen Kuss gewartet.

Also will sie auch lange küssen.

 

Sie nimmt Olgas Gesicht in beide Hände.

Sie hat so was schon im Fernsehen gesehen.

Und bei Freunden.

So schwer kann küssen nicht sein.

 

Sie sieht Olga an.

Olga sieht tapfer zurück.

Dann nimmt Marie all ihren Mut zusammen.

Sie spitzt ihre Lippen.

Sie drückt sie sanft auf Olgas Mund.

Ganz weich ist der jetzt.

Und wie von selbst öffnen sich beide Münder.

Vorsichtig berühren sich ihre Zungen.

Maries Haut kribbelt.

Im Gesicht und an den Händen und am Bauch.

Überall.

 

Nur die Kerzen fehlen.

Aber die können sie ja an einem anderen Tag anzünden.

Vielleicht sitzen sie dann wirklich auf einem Sofa.

Vielleicht sehen sie sich dann lange in die Augen.

Wie Marie es sich ausgedacht hat.

Aber dafür ist noch Zeit.

Marie ist ja gerade erst umgezogen.