Zeit mit ihm

 

Heike sitzt auf der gelben Bank.

Sie sitzt vor dem Haus, in dem sie wohnt.

Sie hat die Lippen rot angemalt.

Sie trägt ihre schönste Haarspange.

Sie wartet auf Hermann.

 

Hermann ist der neue Sozialarbeiter.

Er hat dunkle Haare.

Blaue Augen. Überall Muskeln. Große weiche Hände.

Und wenn er lächelt, klopft ihr Herz wild.

 

Er arbeitet da, wo sie wohnt.

In einem Wohnheim für Menschen mit geistiger Behinderung.

Früher haben alle nur „Heim“ gesagt.

Das war kurz und knapp. Das hat jeder verstanden.

Heute heißt das anders.

Das gleiche ist es trotzdem.

 

Aber es ist besser, als viele denken.

Das Haus wurde neu gemacht.

Es ist jetzt grün. Die Fenster sind gelb, wie die Bank.

Fast wie ein normales Haus – nur viel größer.

 

Es wohnen ja auch viele Menschen hier.

Einige mag sie sogar.

Elias zum Beispiel.

Ben, Emma und Sandra.

Sandra mag sie am liebsten.

Aber ausgerechnet Sandra hat etwas gegen Hermann.

 

„Der ist doof“, sagt sie.

Als hätte er ihr was getan.

„Der ist gefährlich!“, sagt sie.

Aber da irrt sie sich.

 

Hermann ist lustig und lieb.

Hermann hört zu. Und er macht Komplimente.

Er sieht, wenn Heike sich schick gemacht hat.

Er sagt, dass sie klug ist.

Dass sie schöne Augen hat.

Dass sie gut riecht.

 

Manchmal umarmt er sie.

Aber nur, wenn sie allein sind.

Er muss nämlich alle im Heim gleich gern haben.

„Aber bei dir fällt mir das schwer“, sagt er.

Er sagt es nah an ihrem Ohr.

Sein Atem kitzelt ihren Hals.

„Bei dir muss ich eine Ausnahme machen. Heimlich!“, sagt er.

Und überall in ihr kribbelt es.

„Natürlich nur, wenn du das auch willst.“

 

Und sie will!

Sie will, dass er sie umarmt.

Fest. Mit seinen starken Armen.

Will, dass er sie berührt.

Sanft. Mit seinen großen Händen.

 

Dann schlägt ihr Herz wild.

Es schlägt bis zum Hals.

Ihre Knie werden weich.

Sie bekommt Gänsehaut.

Sie will mehr und mehr und mehr.

Heute auch.

Darum sitzt sie auf der gelben Bank.

Darum wartet sie auf Hermann.

 

Warum denkt Sandra nur, dass Hermann doof ist?

Warum will sie nicht darüber reden?

Das ist doch verrückt.

 

Dabei würde sie so gern mit ihr reden.

Ihr sagen, wie schön die Liebe ist.

Dann würde Sandra das mit Hermann verstehen.

Sie würde es für sich behalten.

Ihr könnte Heike das Geheimnis anvertrauen.

Auch wenn Herman verboten hat, darüber zu reden.

Er hat das langsam erklärt. Damit sie alles gut versteht.

Er ist der Sozialarbeiter. Sie wohnt im Heim.

Da ist die Liebe verboten.

Sonst muss er weg.

Weg von hier. Weg von ihr.

 

Seine Liebe ist ihr schönes Geheimnis.

 

Sie hofft, dass alles gut geht.

Sie hofft, dass sie nicht erwischt werden.

Darum bleibt sie ruhig sitzen, als die Tür aufgeht.

Darum bleibt sie sitzen, als Hermann aus dem Haus kommt.

Darum bleibt sie sitzen, als er sie anlächelt.

Ihr Herz klopft. Ihre Knie sind weich.

Sie wartet, bis Hermann weg ist.

 

Dann steht sie auf.

Sie geht ihm nach.

Heute werden sie Zeit haben.

Zeit für die Liebe.

So hat Hermann es gesagt.

Wie im Märchen wird es sein.

 

Sie bekommt kaum Luft.

Das Herz klopft zu sehr.

Die Aufregung ist groß.

Sie geht zum Zaun. Geht durch die Tür. Läuft nach links.

Geradeaus durch den Park.

Am Kiosk sieht sie ihn warten.

Ihr Herz pocht und pocht.

Ihr Mund ist trocken.

Ihre Hände sind feucht.

 

Sie sieht Hermann Eis kaufen.

Himbeereis mit Schokolade.

Ihr Lieblingseis.

Er hält es ihr hin.

„Wie schön du bist“, sagt er.

Heike nimmt das Eis. Sie nickt. Wird rot. Lächelt.

Sie hat nur Augen für ihn.

 

Doch dann bleibt jemand neben ihr stehen.

Sie bemerkt es nur, weil Hermanns Lächeln weg geht.

Sie sieht zur Seite.

Da steht Sandra neben ihr.

Mann! Das ist aber doof.

Sandra wird noch alles verderben.

 

Und tatsächlich:

Sandras Augen sind klein vor Wut.

Ihre Hände sind zu Fäusten geballt.

„Was machst du hier?“, fragt Sandra.

Sie fragt laut. Unfreundlich.

 

Heike will sagen, dass sie verabredet ist.

Dass sie mit Hermann gehen wird.

Dass es heute wie im Märchen sein wird.

Zum ersten Mal.

 

Aber wenn sie das sagt, verrät sie Hermann.

Dann bekommt er Ärger.

Also hält sie den Mund.

 

Sandra sieht Hermann an.

„Was machst du hier mit ihr?“, fragt sie ihn.

Hermann lächelt böse.

Und Heikes Herz friert, als sie das sieht.

„Es ist vorbei“, sagt er zu Sandra.

„Unsere Liebe ist vorbei.“

„Nein!“, schreit Sandra. „Lass die Finger von ihr!“

Sie hebt die Fäuste.

Sie schlägt zu.

 

Aber Hermann hält ihre Handgelenke fest.

Er sieht sie böse an.

Er schickt sie weg, wie ein kleines Mädchen.

Er zeigt in Richtung Wohnheim für Menschen mit geistiger Behinderung.

Sie soll froh sein, wenn sie keinen Ärger bekommt. Sagt er.

So wie sie sich benimmt.

Ganz still soll sie sein.

 

Heikes Mund steht offen.

Sie sieht Hermann an.

Dann Sandra.

Dann Hermann.

Das Eis tropft auf den Boden.

 

Hermann lässt Sandra los.

Sandra dreht sich um.

Sie sieht ihre Freundin an.

Sie hat Tränen in den Augen.

„Komm mit“, sagt sie.

Und sie geht langsam los.

 

Aber Heikes Beine stehen wie angewachsen.

Sie stehen fest auf dem Boden.

All das Glück ist verschwunden.

Sie versucht zu verstehen.

Sie versucht sich zu bewegen.

Und das Eis tropft auf ihre Schuhe.

 

Gut, dass Hermann da ist.

Er nimmt ihr das Eis aus der Hand.

Er wischt ihre Hände und Schuhe ab.

Dabei lächelt er.

So wie sie es kennt. So wie sie es mag.

Er erzählt von Sandras Eifersucht.

Dass sie ihn falsch verstanden haben muss.

Dass sie weniger klug ist als Heike.

Dass er später noch einmal mit ihr reden wird.

 

Gut, dass Hermann alles erklären kann.

Gut, dass er wieder so ist wie immer.

So freundlich und lustig und lieb.

Sonst hätte sie die Beine wohl nie mehr bewegen können.

Sonst hätte sie das alles falsch verstanden.

 

„Komm“, sagt er.

Und sie geht mit ihm.

Ein neues Eis in der Hand.